Die Kunst der Befreiung: Modernismus und Dekolonialisierung Wie können wir unser Bild der modernen Kunst nach der postkolonialen Wende neu gestalten, ohne einfach nur einige regionale Kunstgeschichten zum eurozentrischen Kanon hinzuzufügen? In den letzten 20 Jahren haben sich viele Künstler*innen, Kurator*innen, Kunsthistoriker*innen und Institutionen mit der Frage nach einem angemesseneren Bild des Modernismus vor dem Hintergrund vom Dekolonialisierung und Globalisierung beschäftigt und dabei relevante neue Erkenntnisse gewonnen. Die antikolonialen und antirassistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts gingen einher mit künstlerischen und theoretischen Gegenkonzepten zur Kolonialität der westlichen Moderne und zur Exklusivität des europäischen Modernismus. Diese Vorlesung befasst sich mit Konzepten und Ausprägungen der modernen Kunst, die im Kontext der Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika und dem „Black Atlantic“ entstanden sind. Die Modernismen in Indien, Japan, Nigeria und Mexiko – um nur einige Länder zu nennen – waren weder nur von europäischen Bewegungen „beeinflusst“ noch erfanden sie völlig eigenständige Kunstkonzepte. Es sind gerade die Übersetzungen und Transformationen von Ideen, Formen und Stilen, die aus den Kontakten des Kolonialismus und antikolonialer Allianzen entstanden sind, welche die spezifische Charakteristik moderner Kunstbewegungen außerhalb der euro-amerikanischen Zentren geprägt haben. Der Widerstand gegen koloniale Gewalt und die Suche nach kultureller Identität gegen (und nach) kultureller Kolonialisierung prägten die Entstehung moderner künstlerischer Bewegungen in den von europäischen Mächten unterdrückten Gesellschaften. Oft mussten sie zudem indigene kulturelle Traditionen mit dem Internationalismus politischer Befreiungsbewegungen verschmelzen.
The Art of Liberation: Modernism and Decolonization How can we reconfigure our picture of modern art after the postcolonial turn beyond simply adding some regional art histories to the Eurocentric canon? During the past 20 years, many artists, curators, art historians and institutions have been preoccupied with the question of a more appropriate picture of modernism against the backdrop of decolonization and globalization and produced relevant new insights. The anti-colonial and anti-racist movements of the 20th century were accompanied by artistic and theoretical counter-concepts to the coloniality of Western modernity and the exclusivity of European modernism. This class looks at concepts and versions of modern art that emerged in the context of liberation movements in Asia, Africa and the “Black Atlantic”. Modernisms in India, Japan, Nigeria, and Mexico – to name but a few countries - were neither just “influenced” by European movements, nor did they invent totally separate ideas of art. It is precisely the translations and transformations of ideas, forms and styles that emerged in the context of colonialism and anti-colonial alliances which shaped the distinct identities of modern art movements beyond the Euro-American centers. The resistance to colonial violence and the search for cultural identity against (and after) cultural colonization framed the emergence of modern art movements in the societies oppressed by European powers. They further often needed to meld indigenous cultural traditions with the internationalism of political liberation movements.