Ewiger, demokratischer, flexibler oder Spät-Faschismus? Zur Soziologie der Faschisierungsprozesse Die Gegenwart ist geprägt von einem „rechtsdriftenden politischen Zyklus“ (Carolin Amlinger/ Nachtwey), in dem ultrarechte Bewegungen staatliche Machtpositionen erlangen und demokratische Institutionen demontieren. Sie stützen sich auf kleinbürgerliche Milieus ebenso wie auf neoliberale Tech-Oligarchen, gründen sich auf nationalkonservative und patriarchale Einstellungsmuster und reformulieren ein regressives Politikmodell, in dem Antifeminismus sich mit Antisemitismus und Rassismus koppelt. Viele Zeitdiagnosen stimmen darin überein, dass der globale Aufstieg der Ultrarechten u.a. als Reaktion auf ökonomische und ökologische Krisendynamiken, generalisierte Prekarität und Abstiegsängste zu verstehen ist. Nach der neoliberalen Ära kommt es zu vertieften Ungleichheiten und damit auch zu neuen Verteilungskämpfen. Darin werden gefühlte Bedrohungen verstärkt mit (antisemitischer, rassistischer, sexistischer) Ausgrenzung und Herabwürdigung anderer bearbeitet. Aber wieso reagieren viele auf die multiplen Krisen mit Regression anstatt mit einem Kampf für mehr Gerechtigkeit oder für emanzipatorische Selbstorganisation? Wie stehen Regression und die Verteidigung von Privilegien zueinander im Verhältnis? Es scheinen sich bekannte soziopolitische und kulturelle Muster von Faschisierungsprozessen zu reaktivieren: multiple Krise als Voraussetzung, regressive Haltungen als Effekte, kleinbürgerliche Milieus, aber auch klassenübergreifende Bündnisse als Träger*innen, physische Gewalt und epistemischen Gewalt („alternative Fakten“) als Methoden, Führerkult als Bestandteil.
Eternal, democratic, flexible or late fascism? On the sociology of fascist processes The present is characterised by a ‘rightward political cycle’ (Carolin Amlinger/Nachtwey) in which ultra-right movements are gaining positions of state power and dismantling democratic institutions. They draw support from petty bourgeois milieus as well as neoliberal tech oligarchs, are based on national conservative and patriarchal attitudes, and reformulate a regressive political model in which anti-feminism is coupled with anti-Semitism and racism. Many contemporary analyses agree that the global rise of the far right can be understood as a reaction to economic and ecological crisis dynamics, generalised precariousness and fears of social decline. The neoliberal era has been followed by deepening inequalities and, with them, new struggles over distribution. Perceived threats are increasingly being addressed through (anti-Semitic, racist, sexist) exclusion and denigration of others. But why do many respond to multiple crises with regression rather than fighting for greater justice or emancipatory self-organisation? How do regression and the defence of privileges relate to each other? Well-known socio-political and cultural patterns of fascist processes seem to be reactivating: multiple crises as a prerequisite, regressive attitudes as effects, petty-bourgeois milieus, but also cross-class alliances as carriers, physical violence and epistemic violence (‘alternative facts’) as methods, and the cult of the leader as a component.